Fast alle, die ich für diesen Kanal treffe, sind Deutsche, die nach Thailand gegangen sind. Khwan ist der umgekehrte Fall. Sie ist Thailänderin, sie hat fünf Jahre in Deutschland gelebt, in Essen, und sie ist zurückgekommen. Heute führt sie in Hua Hin ein deutsches Restaurant.
Das macht sie zu einer der wenigen Personen, die beide Seiten wirklich kennt. Nicht aus dem Urlaub, sondern aus dem Alltag. Ich habe sie gefragt, was Deutschland besser macht als Thailand und was Thailand besser macht als Deutschland. Beide Antworten kamen ohne Zögern.
Von Isan nach Essen
Khwan kommt aus dem Isan, dem Nordosten Thailands. Das ist die ärmste Region des Landes und die, aus der die meisten Menschen weggehen, um woanders zu arbeiten. Mit 25 ist sie nach Deutschland gegangen und dort fünf Jahre geblieben.
Deutsch hat sie auf zwei Wegen gelernt: an der Volkshochschule und bei der Arbeit. Sie sagt selbst, dass die Arbeit der wichtigere Teil war. Und sie hat einen Rat, der für jeden gilt, der eine Sprache lernen will:
“Wenn man Sprache lernt, sollte man in dem Land sein, wo man die Sprache lernt. Wenn du Deutsch in Thailand lernst, das ist anders.”
Das ist kein origineller Gedanke, aber sie ist der lebende Beleg dafür. Ihr Deutsch nach fünf Jahren ist so gut, dass ein ganzes Interview darin problemlos funktioniert. Ihre Tochter ist 17 und spricht ebenfalls Deutsch, obwohl sie nie in Deutschland gelebt hat. Gelernt hat sie es zu Hause.
Zurück nach Thailand, erst Phuket, dann Hua Hin
Nach den fünf Jahren ging es zurück nach Thailand. Zuerst nach Phuket, wo sie ein Restaurant hatte. Phuket war ihr auf Dauer zu viel:
“Da ist sehr viel Action, wir passen besser hierher.”
Also Hua Hin. Ihre Begründung ist die gleiche, die viele deutsche Auswanderer nennen: Es hat mehr Leben als der Isan, aber weniger Trubel als Phuket oder Pattaya. Man hat, was man braucht, und es ist nicht langweilig.
Das German Corner
Ihr Lokal heißt German Corner und liegt in der Soi Hua Hin 102, hinter dem vierten 7-Eleven. Auf der Karte stehen deutsche, europäische und thailändische Gerichte. Alles wird frisch gekocht, dazu gibt es wechselnde Tagesgerichte.
An dem Tag, an dem ich da war, stand Rotkohl auf dem Herd, dazu eine Senfsoße für Kabeljau, Kartoffeln und Gemüse. Der Geruch aus der Küche war das Erste, was mir aufgefallen ist, noch bevor ich jemanden gesehen habe.
Warum überhaupt deutsche Küche in einer Stadt, in der es an jeder Ecke Thai-Essen gibt? Ihre Antwort ist nüchtern:
“Wir müssen bisschen Unterschied machen. Deutsche Küche, und muss gut sein.”
Auf Google steht das Lokal bei 4,8 von 5 Sternen bei 56 Bewertungen (Stand August 2026). In den Bewertungen tauchen immer wieder Jägerschnitzel, Rouladen und große Portionen auf.
39/1099 Soi Hua Hin 102, Nong Kae, Hua Hin, Prachuap Khiri Khan 77110
Telefon: +66 85 755 8617
Geöffnet etwa 11 bis 23 Uhr
Deutsche, europäische und thailändische Küche
Was Deutschland besser macht
Ich habe sie gefragt, was sie an Deutschland besser fand als in Thailand. Die Antwort kam sofort, in einem Wort:
“Sauberkeit. Deutschland ist sauber, das ist der Erste.”
Und sie bleibt dabei nicht höflich. Sie sagt offen, dass sie von Thailand in diesem Punkt enttäuscht ist, und nimmt ausdrücklich die Regierung in die Pflicht, weil beim Müll nichts unternommen wird. Das ist ein Satz, den ein deutscher Auswanderer so kaum sagen würde, ohne dass es belehrend klingt. Aus ihrem Mund klingt es einfach nur ehrlich.
Ihr zweiter Punkt ist einer, auf den man in Deutschland nie kommen würde. Ihre erste Wohnung dort war möbliert. Küche, Wohnzimmer, alles drin. Für sie war das, wörtlich, amazing.
Das ist der Moment im Gespräch, in dem sich die Perspektiven umdrehen. Wir beschweren uns darüber, dass in deutschen Mietwohnungen oft nicht einmal eine Küche steht. Sie kannte aus dem Isan nur das leere Zimmer und fand die deutsche Variante großzügig.
Was Thailand besser macht
Dann die Gegenfrage. Auch hier kam die Antwort ohne Pause:
“Thailand ist Freiheit. Man muss nicht viel achten. Das darfst du nicht, das darfst du nicht, wie in Deutschland.”
Und der zweite Punkt, den ich in fast jedem Interview höre, egal ob von Deutschen oder Thais:
“Wenn man irgendwas hat, muss man Anwalt nehmen und warten. Das ist die Bürokratie, nicht so kompliziert wie in Deutschland.”
Sachen werden untereinander geklärt, schneller und einfacher. Ob das immer gerecht ausgeht, ist eine andere Frage. Aber es ist das, was Menschen als Erleichterung erleben, wenn sie aus Deutschland kommen. Dass eine Thailänderin, die Deutschland kennt, denselben Punkt nennt, macht ihn nicht schwächer.
Warum ausgerechnet Hua Hin
Ich habe sie direkt gefragt, ob Hua Hin wirklich das Rentnerparadies ist, als das es gilt. Sie hat zugestimmt, und zwar mit einer Begründung, die man sonst selten so klar hört:
“Hier fühlen sich die Leute wohl, die in Ruhe leben. Und es ist nicht so teuer.”
Ein paar Zahlen dazu, die nicht aus dem Gespräch stammen, sondern die ich nachgeschlagen habe. Hua Hin hat rund 65.000 Einwohner und liegt etwa 220 Kilometer südlich von Bangkok, gut drei Stunden mit dem Auto. Es ist das älteste Seebad Thailands: Aus dem Fischerdorf wurde ab 1921 ein Badeort, als die Bahnlinie von Bangkok nach Süden gebaut wurde.
Seit 1926 steht hier außerdem der königliche Sommerpalast. Er heißt Klai Kangwon, übersetzt fern aller Sorgen. Der Name beschreibt ziemlich genau, warum die Stadt bis heute so wirkt, wie sie wirkt.
Was die Rentenzahlen wirklich sagen
Über deutsche Rentner in Thailand kursiert ein Klischee: Wer geht, geht, weil das Geld zu Hause nicht reicht. Die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung sagen etwas anderes.
2024 wurden knapp 6.000 deutsche Altersrenten nach Thailand ausgezahlt. Die durchschnittliche Rente lag dabei bei rund 1.221 Euro im Monat. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Altersrente in Deutschland lag im selben Jahr bei 1.202 Euro.
Wer nach Thailand geht, hat also im Schnitt eher etwas mehr als der Durchschnittsdeutsche, nicht weniger. Es ist keine Flucht, es ist eine Entscheidung. Und es sind, gemessen an knapp 245.000 Renten, die insgesamt ins Ausland gehen, immer noch sehr wenige Menschen.
Würde sie zurück nach Deutschland?
Die letzte Frage im Gespräch. Ihre Antwort war ein Satz:
“Ich bleib lieber hier.”
Die Begründung hat nichts mit Geld zu tun und nichts mit Bürokratie. Es ist das Wetter. In ihrer Erinnerung sind es in Deutschland maximal zwei Monate Sommer, der Rest ist Winter. Eine Sache vermisst sie trotzdem: das Grillen, wenn der Sommer da ist.
Ihr praktischer Vorschlag, und er ist besser als jede Grundsatzdebatte: Wenn das Wetter in Deutschland gut ist, fliegt man hin. Wenn es schlechter wird, fliegt man zurück.
Was du daraus mitnehmen kannst
Drei Dinge sind mir aus dem Gespräch geblieben.
Erstens: Eine Sprache lernst du dort, wo sie gesprochen wird. Wer nach Thailand will und vorher zwei Jahre lang zu Hause Thai-Apps benutzt, kommt langsamer voran als jemand, der drei Monate vor Ort ist. Umgekehrt gilt dasselbe.
Zweitens: Die Punkte, die für ein Land sprechen, sind bei fast allen dieselben. Freiheit, weniger Bürokratie, Wetter. Die Punkte dagegen auch. Es hilft, das zu wissen, bevor man geht, damit man nicht überrascht ist.
Drittens: Es lohnt sich, mit jemandem zu reden, der die andere Richtung gegangen ist. Khwan sieht Deutschland nicht mit den Augen von jemandem, der es satt hat. Sie sieht die möblierte Wohnung, die saubere Straße und den Grillabend. Das ist ein nützlicher Spiegel, wenn man gerade dabei ist, alles hinter sich zu lassen.
Das Video dazu
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