Schau mal, es gibt zwei Sorten von Auswanderern. Die einen planen fünf Jahre, machen Tabellen, lesen Foren und fahren am Ende doch nicht. Die anderen entscheiden sich in ein paar Monaten und stehen dann da. Stefan gehört zur zweiten Sorte, und sein Satz dazu ist mir hängen geblieben: „Man kann sich auch Sachen totdenken.“
Ich habe ihn in Pattaya getroffen, im nördlichen Stadtteil Naklua. Er ist 53, kommt aus Hamburg und hat dort zuletzt fünf Jahre auf der Reeperbahn gearbeitet. Am 1. Januar ist er morgens um halb acht in Thailand gelandet. Am 31. Januar hat er ein deutsches Restaurant übernommen, das es dort seit zwölf Jahren gibt. Vier Wochen zwischen Ankunft und eigenem Laden.
Der lange Anlauf, den keiner sieht
Von außen sieht das nach Kurzschluss aus. Ist es aber nicht. Stefan war in den letzten sieben bis acht Jahren jeden Winter ein bis drei Monate in Thailand, meistens zwischen Januar und März, je nachdem wie Geld und Zeit da waren. Er kennt das Land also nicht aus zwei Wochen All-inclusive, sondern aus vielen Monaten Alltag.
Was mich mehr überrascht hat: Er hat sehr spät angefangen zu reisen. Bis 45 war er kein einziges Mal im Urlaub. Kein Mallorca, kein gar nichts. Danach ein Jahr Türkei, dann nur noch Thailand. Sein Rat daraus klingt banal und ist es nicht, wenn man weiß, wer ihn sagt: Fahrt so früh wie möglich raus. Andere Länder, andere Sitten, das bringt einen weiter.
„Wenn ich hier ausgestiegen bin, war das, als ob ein Stein von der Brust gefallen ist.“
Warum Deutschland für ihn nicht mehr ging
Ich frage jeden Gast, wo der Schuh gedrückt hat. Bei Stefan war es keine einzelne Sache. Die Arbeit selbst war in Ordnung, sagt er. Es war das drumherum. Eine Stimmung, die er als sehr negativ beschreibt. Und im Kontrast dazu das Gefühl beim Aussteigen aus dem Flieger in Thailand.
Interessanter finde ich, was danach kam. Als der Entschluss konkret wurde, hat er sehr schnell aufgehört, mit Leuten darüber zu reden. Nicht aus Trotz, sondern weil praktisch nur Negatives zurückkam, oft von Menschen, die selbst nie dort waren. Seine Frau ist 18 Jahre jünger als er, und spätestens da war Schluss mit sachlicher Debatte.
Sein Rat an alle, die vor derselben Entscheidung stehen: Rede nicht mit zu vielen Leuten darüber. Nicht, weil die anderen dumm sind, sondern weil ein großer Teil davon Neid ist. Er sagt es so: Hätte er auf die anderen gehört, wäre er heute noch in Deutschland.
Der Punkt, an dem es richtig teuer wird
Jetzt wird es unbequem, und genau deshalb ist dieser Teil der wichtigste im ganzen Gespräch. Ein Bekannter von Stefan hatte vor zwei Monaten einen Rollerunfall. Er wollte abbiegen, jemand ist ihm hinten draufgefahren. Schuldlos. Acht Rippen gebrochen, dazu die Schulter.
Nicht versichert.
Knapp 200.000 Baht hat ihn das gekostet, nach heutigem Kurs rund 5.200 Euro. Er hat sich nach zwei Tagen selbst aus dem Krankenhaus entlassen und ist in ein günstigeres gewechselt, um die Rechnung zu drücken.
Bei einer Diagnose, die Zeit lässt, kannst du übermorgen in den Flieger steigen. Bei acht gebrochenen Rippen, einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall nicht. Genau dieser Unterschied ist der Grund, warum Krankheit einer der häufigsten Gründe ist, warum Menschen wieder abreisen müssen.
Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Allein ein Klinikum auf Phuket bleibt nach eigenen Angaben auf rund zehn Millionen Baht unbezahlter Behandlungskosten pro Jahr sitzen, landesweit sind es nach Zahlen des Gesundheitsministeriums mindestens hundert Millionen Baht jährlich. Deshalb wird in Thailand seit einiger Zeit über eine Versicherungspflicht schon bei der Einreise diskutiert.
Stefan selbst sagt zur Krankenversicherung nichts Pauschales, und das finde ich richtig. Es hängt am Alter, an Vorerkrankungen, daran ob du stationär oder auch ambulant abgedeckt sein willst. Viele, die er kennt, zahlen ambulant selbst und versichern nur den stationären Fall. Was fast alle eint: Wer hier spart, spart an der falschen Stelle.
Die Sache mit der Einsamkeit
Und dann kam der Teil, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich habe Stefan gefragt, was ihn seit Februar überrascht hat. Seine Antwort: Es gibt hier sehr viele einsame Menschen.
Er hat einen Blick darauf, den kaum jemand hat, weil in seinem Laden alle vorbeikommen. Er erzählt von Leuten, die seit zwanzig Jahren dort leben und immer noch zweimal die Woche allein am Tisch sitzen. Von Menschen, die aus ihrer Wohnung praktisch nicht mehr rauskommen.
Das Bemerkenswerte ist, dass derselbe Mann zehn Minuten später sagt: Wer hier alleine ist, ist selber schuld. Beides stimmt gleichzeitig. Pattaya hat eine der größten deutschen Gemeinden Thailands, es gibt Stammtische, Motorradausfahrten, Partys, für fast jedes Hobby etwas. Die Möglichkeiten liegen da. Man muss nur die Tür aufmachen.
Was das Leben dort wirklich kostet
Bei Zahlen bin ich immer vorsichtig, weil sie ohne Kontext nichts wert sind. Stefan hat mir trotzdem eine Spanne gegeben, die ich für ehrlich halte.
- Thailändische Angestellte in der Gegend verdienen oft 12.000 bis 20.000 Baht im Monat, also etwa 310 bis 520 Euro, und kommen damit aus.
- Deutsche kommen häufig mit 40.000 bis 60.000 Baht an, rund 1.040 bis 1.560 Euro, und kommen trotzdem nicht hin.
- Seine Faustzahl für ein normales Leben: um die 1.500 Euro im Monat.
Der Unterschied liegt selten an den Grundkosten. Er liegt daran, wie oft jemand abends losgeht. Stefan sagt das ohne Moral, einfach als Beobachtung.
Am glaubwürdigsten macht ihn dabei seine eigene Geschichte. Er war einmal drei Monate auf Koh Phangan und hatte im letzten Monat noch rund 150 Euro pro Woche zur Verfügung, weil das Geld einfach alle war. Er kam damit aus. Zwei- bis dreimal am Tag warm gegessen, Zigaretten drin, ein Bungalow am Wasser. Eng, aber es ging. Andere geben dort 150 Euro am Tag aus. Beides ist derselbe Ort.
Was du daraus mitnehmen kannst
Ich habe Stefan zum Schluss gefragt: Du stehst morgen auf und weißt nichts mehr, aber du darfst dir ein Poster beschriften. Was steht drauf?
„Hör auf dein Gefühl.“
Er sagt, sein Gefühl habe ihm im Leben fast immer den richtigen Weg gezeigt, auch dann, wenn er nicht danach gehandelt hat. Im letzten Jahr habe es ihm die Entscheidung jeden Tag ins Gesicht geschrien, und es sei Tag für Tag stärker geworden.
Sein praktischer Rat ist nüchterner: Komm erst ein-, zwei-, dreimal her. Nicht nur nach Pattaya, nicht nur nach Phuket. Leb drei Monate normal, nicht Urlaub. Danach weißt du mehr. Und: Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt.
Am Ende des Tages ist das die ehrlichste Version dieser Geschichte. Kein Paradies, kein Drama. Ein Mann, der spät angefangen hat, sich zu trauen, und der sagt, er habe es noch keine Sekunde bereut.
Deutsch-thailändische Küche, den Laden gibt es seit zwölf Jahren, Stefan hat ihn im Februar 2026 übernommen. Hausspruch: „Futtern wie bei Muttern.“ Jeden Tag ein anderes Special, von Spießbraten dienstags bis Brunch am Sonntag, und jeden ersten Freitag im Monat eine Party mit Live-Musik.
Adresse: Naklua Road Soi 12, Pattaya. Alle Kontaktkanäle und die Anfahrt gibt es gebündelt auf bramburi.de.
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Die echte Monatsrechnung holen →Quellen (Web-Recherche, August 2026): Wochenblitz, geplante Pflichtversicherung für Touristen, der-farang, unbezahlte Behandlungskosten, der-farang: Naklua und seine Geschichte, bramburi.de: Adresse und Kontaktkanäle. Umrechnung zum Kurs vom 20.08.2026, 1 Euro = 38,45 Baht.