Guido Wedekind, Kampfsportler aus Krefeld, reist nach eigener Aussage seit 40 Jahren nach Thailand. In Pattaya hat er nach seiner Schilderung zweieinhalb Jahre an einem Boxcamp gebaut. Als es fertig war, kam Covid. Als es endlich lief, verschwand im Juli 2023 der Deutsche Hans-Peter Mack und wurde ermordet aufgefunden. Laut Guido war Mack sein Partner und hatte das Geld. Guido gab seinen Anteil an die Familie zurück. Heute sieht er Pattaya kritisch und weiß nicht, ob er bleibt.
Ich war für dieses Gespräch in Pattaya. Neben mir saß Guido. Er hat mir in knapp 19 Minuten eine Geschichte erzählt, die ich so nicht erwartet hatte. Ein Traum, zweieinhalb Jahre Bauzeit, eine Pandemie, ein Verbrechen. Und am Ende ein Mann, der trotzdem noch da ist.
Wichtig vorweg: Vieles hier ist Guidos eigene Erinnerung. Was sich unabhängig belegen lässt, habe ich belegt. Alles andere steht als seine Aussage da.
Wer Guido ist: Kampfsport, Tür und Sicherheitsdienst
Guido ist in Krefeld aufgewachsen. Studiert hat er Sozialpädagogik, in Hannover und in Mönchengladbach. Das Studium sei ihm nie so wichtig gewesen, sagt er. Sein Ding war von Anfang an der Kampfsport. Er eröffnete Kampfsportschulen in Krefeld, Mönchengladbach und Haltern. Insgesamt hatte er nach eigener Aussage sechs Schulen in Deutschland.
Dazu kam nach seinen Worten ein eigener Sicherheitsdienst. Viele Jahre stand er selbst an der Tür, im Ruhrgebiet und in Krefeld. Irgendwann wurde es ihm zu gefährlich, und wirtschaftlich rechnete es sich nicht mehr: schlechte Löhne, schwer zu findendes Personal, viel Aufwand mit Lizenzen und Schulungen. Er verkaufte die Firma und ging nach Wolfsburg. Dort arbeitete er in der Autostadt, erst in der Sicherheit, dann als Eventassistent.
Seit 40 Jahren nach Thailand, und warum Phuket für ihn vorbei ist
Thailand zieht sich durch sein ganzes Leben. „Ich habe in Thailand fast alles gelernt, was ich kann“, sagt Guido. Am Anfang war es Koh Samui. Später fuhr er mit befreundeten Kampfsportlern jedes Jahr im September nach Pattaya. Eine Zeit lang auch nach Phuket.
Das endete mit dem Tsunami im Dezember 2004. Guido war eine Woche danach in Phuket. Viele Bekannte, die am Strand gearbeitet hatten, sind damals gestorben, erzählt er. Nach Zahlen des UN-Länderteams vom Juni 2005 starben in Thailand 5.395 Menschen, 2.817 galten als vermisst. Guido ist danach nicht mehr nach Phuket gefahren.
Das Boxcamp: gebaut für die Welt, fertig zu Covid
Nach Pattaya kam Guido wegen eines langjährigen Freundes: Hans-Peter Mack, der nach Guidos Worten schon ewig in Pattaya lebte. Mack habe ihn gefragt, ob sie zusammen ein Boxcamp aufmachen, erzählt Guido. Guido brachte Thaiboxen, brasilianisches Jiu-Jitsu und Grappling mit. Mack hatte laut Guido die Finanzen. Eigentlich wollte Guido auf Koh Samui bauen. Mack hielt die Insel für zu klein für ein richtiges Geschäft.
Gebaut haben sie nach Guidos Worten zweieinhalb Jahre. Das Camp hieß Fightholics Thailand, Bilder davon zeigt Guido auf seinem Instagram-Kanal. Sein Anspruch war hoch. Er wollte eines der schönsten und besten Kampfsportcamps der Welt führen.
Dann kam Covid. Ab dem 4. April 2020 durften keine Passagierflüge mehr in Thailand landen, Rückholflüge und Fracht ausgenommen. Quarantänefrei einreisen konnten geimpfte Touristen aus zugelassenen Ländern erst ab dem 1. November 2021. Der Thailand Pass fiel zum 1. Juli 2022 weg. Die Sportler, die bei ihnen trainieren wollten, konnten nicht kommen, sagt Guido. Und auch danach blieben die Gäste aus, weil die Flüge teuer waren.
Als es endlich anlief, lief es gut. Guido erzählt von einem Seminar mit 40 Teilnehmern aus der ganzen Welt, jedes Zimmer ausgebucht, dazu eine Boxveranstaltung mit MMA und Boxen.
„Aber dann, als es anfing, ist plötzlich mein Partner verschwunden.“
Juli 2023: Hans-Peter Mack verschwindet
Das lässt sich belegen. Hans-Peter Mack, 62 Jahre alt, arbeitete in Pattaya als Immobilienmakler. Seit dem 4. Juli 2023 wurde er vermisst. „Von einem auf den anderen Tag war er weg“, sagt Guido.
Am 10. Juli 2023 wandte sich seine Familie an den stellvertretenden Landespolizeichef Surachate Hakparn, bekannt als Big Joke, und bat um Hilfe bei der Suche. Am Abend desselben Tages fand die Polizei Macks Leiche in einem Haus in Nong Prue, im Bezirk Bang Lamung in der Provinz Chonburi. Auf die Spur kamen die Ermittler über Aufnahmen von Überwachungskameras. Laut Polizei hatten die Täter Mack entführt, getötet und danach 3,35 Millionen Baht von seinem Konto überwiesen. Nach heutigem Kurs sind das rund 87.600 Euro.
Der Fall machte international Schlagzeilen. Am 20. Dezember 2024 sprach das Provinzgericht Pattaya ein Urteil. Ein Thailänder pakistanischer Herkunft, der seine Unschuld beteuerte, bekam die Todesstrafe. Zwei Deutsche hatten im Prozess gestanden, ihre Todesurteile wurden deshalb in lebenslange Haft umgewandelt. Das ist ein Urteil der ersten Instanz. Ob es angefochten wurde, konnte ich nicht klären.
Die Einzelheiten der Tat lasse ich hier bewusst weg. Hinter dem Fall steht eine Familie. Und eine Einschränkung gehört dazu: In den Presseberichten wird Mack als Immobilienmakler und Geschäftsmann beschrieben. In den Berichten, die ich gefunden habe, kommt das Boxcamp nicht vor. Dass er Guidos Partner war, weiß ich aus dem Gespräch mit Guido.
Belegt sind Alter, Beruf, Vermisstendatum, Fundort und Funddatum, die Überweisung laut Polizei und das Urteil vom 20.12.2024. Quellen: Bangkok Post, AP, t-online, The Pattaya News, AFP. Guidos Aussage sind die Partnerschaft, die Bauzeit, sein Anteil und alles, was er über das Camp und seine Zeit davor erzählt.
Wie Guido sein Camp verlor
Für Guido war es ein Schock, persönlich und geschäftlich. Die Polizei schloss das Camp nach seinen Worten für einige Wochen wegen der Ermittlungen. Die Sportler, die dort wohnten, zogen aus. Neue Gäste wichen in andere Camps aus.
Danach wollten die Söhne das Camp nicht weiterführen, erzählt Guido. Ihm gehörte ein Drittel. Die 6.000 bis 7.000 Euro, die er zum Weitermachen gebraucht hätte, konnte er nach eigener Aussage nicht auftreiben. Er suchte Sponsoren und fand keine. Am Ende gab er seine Anteile an die Familie zurück.
„Tja, und dann sind die Träume geplatzt.“
Warum Kampfsportler überhaupt nach Thailand kommen
Menschen aus der ganzen Welt kommen nach Thailand, um echtes Muay Thai zu lernen, sagt Guido. Er hält die Qualität des Unterrichts dort für sehr hoch. Er erzählt aber auch von Camps, in denen du 500 Baht zahlst, rund 13 Euro, und drei Runden an den Pratzen bekommst, ohne viel Technik. Gefördert werde vor allem, wer als Wettkämpfer für das Camp starten kann. Das ist seine Erfahrung, keine Statistik.
Ein Fakt, der mich überrascht hat: Der Muay-Thai-Weltverband IFMA ist seit 2021 vom Internationalen Olympischen Komitee voll anerkannt. Olympisch ist Muay Thai damit nicht. Bei den Europaspielen 2023 war es aber zum ersten Mal offizielle Medaillensportart.
Pattaya heute: Guidos hartes Urteil
Guido ist geblieben, weil er in der Gegend noch Immobilien hat. Glücklich klingt er mit Pattaya nicht. Für das Zentrum, Süd-Pattaya und Jomtien findet er sehr harte Worte. Seine damalige Frau sei dort mehrmals am Tag angesprochen worden, als wäre sie käuflich. Irgendwann wollte sie nicht mehr ausgehen. Er selbst geht nach eigener Aussage nicht mehr in Bars. Vor 30 Jahren, sagt er, habe Pattaya noch Spaß gemacht.
Und trotzdem: Außerhalb des Zentrums, wo er heute wohnt, sieht er es ganz anders. Zum Motorradfahren sei die Gegend ein Traum. Zum Strand in Jomtien oder Na Jomtien braucht er 20 Minuten, nach Bang Saray 30. Das ist ein Fischerdorf an der Golfküste südlich von Pattaya, dort vermietet Guido ein paar Condos. Ob er in Pattaya bleibt, weiß er nicht.
Das ist Guidos Blick nach allem, was er dort erlebt hat. Andere Gäste auf meinem Kanal erleben Pattaya ganz anders, Ralph zum Beispiel, seit über 30 Jahren in Thailand. Pattaya ist groß. Wo du wohnst und wie du lebst, macht den Unterschied.
Meine Einschätzung
Ganz ehrlich, was mich an diesem Gespräch am meisten beschäftigt hat, ist nicht Pattaya. Es ist die Frage, wie abhängig du bist, wenn ein anderer das Geld hat. Guido hatte nach eigener Aussage ein Drittel. Als sein Partner starb, lag die Entscheidung bei der Familie.
Wenn du im Ausland mit jemandem etwas aufbaust, klär vorher schriftlich, was passiert, wenn einer ausfällt. Und hol dir dafür jemanden, der das Recht vor Ort kennt. Das ist kein Rechtsrat, das ist meine Lehre aus diesem Gespräch.
Das war Teil 1. Ein zweiter Teil mit Guido soll folgen, dort lernst du ihn noch genauer kennen.
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